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Nabilas Buchbesprechung Liebe Sultanin – ein Asylbewerber führt ein Gespräch mit der modernen Scheherazade   Von Sayed el Sultan  

Ein Interview mit dem Autor folgt nach der Buchbesprechung. Zu bestellen ist das Buch auch über Nabila nabila(at)t-online.de   

Ich habe Sayed während der Messe in Hannover kennen gelernt, wo er sein Buch „liebe Sultanin“ vorstellte.

Schon während des Gespräches machte er mich sehr neugierig auf sein Buch, das sich zu Beginn wie ein Märchen liest und dann aber den bitteren Ernst der Bevölkerung im Irak und sein eigenes Schicksal schildert. Er hat seine „Erfahrungen und Informationen über Historie, Politik, Religion und menschliche Tragödien in einen Zusammenhang gebracht und versucht einen Bogen zu spannen“ (aus dem Vorwort) Er möchte „dass wir den Dialog suchen, zusammen einen Weg finden zu einem friedlichen Zusammenleben und freier Religionsausübung“ So bittet er die moderne Scheherazade: „darf ich versuchen, Ihnen die historische und politische Lage im Irak aus meiner Sicht zu erklären?“

Ich habe das Buch (paperback) in einem Rutsch durchgelesen und möchte es allen LeserInnen ans Herz legen! Gibt es doch einen sehr guten Überblick über die Geschehnisse aus Vergangenheit und Gegenwart. Falls Sie es bestellen möchten, mailen Sie mir bitte nabila(at)t-online.de

 

„liebe Sultanin“

Die 98 Seiten des Buches sind in 4 Abschnitte aufgeteilt:

1.      Der literarische Teil, das Märchen um Scheherazade – Anregung dazu gab ein  Artikel in der Halima Quartal IV 2005.

2.      das Gespräch mit der modernen Scheherazade in Deutschland, die über das Schicksal eines um Asyl bittenden entscheiden kann (gemeint ist Frau Merkel – Anmerkung Nabila).

3.      Das Schicksal des Autoren und seiner Familie im Irak, seine Erlebnisse im Gefängnis Saddams und den Krieg

4.      Das Leben und die Erfahrungen in Deutschland, inclusive einiger Zeitungsberichte (im Anhang in zusätzlichen 14 Seiten) über den Autoren und seine Familie.

Die sachlichen Informationen stammen aus verschiedenen Quellen, die auch am Ende angegeben werden.

Zu Beginn des Buches bringt uns der Autor die Geschichte um Scheherazade näher – vor allem aber die Geschichte vor dieser bekannten Geschichte. Hier geht es nämlich darum, warum der Sultan alle anderen Frauen köpfen ließ (Sayed hält sich da sehr ans Original).

Der Autor „knüpft an das Ende dieser Geschichte an, führt sie weiter und bringt sie zu einer überraschenden Wendung, als Scheherazade in die Zukunft reist und die mächtigste Frau in Deutschland geworden ist. Sie behält ihre Eigenschaften, hat aber bis auf eine schwache Ahnung ihre Herkunft vergessen und akzeptiert nicht, dass sie Scheherazade gewesen  sein soll“.         

Im Laufe des Märchens löst sich alles auf und am Ende wissen alle warum und was sonst noch geschah.

Soweit der fiktive Teil der Geschichte. Eingebettet hierin ist der eigentliche Inhalt des Buches. Die Lebensgeschichte und Anschauung eines um Asyl bittenden Irakers. Es handelt sich hier um einen Augenzeugenbericht der Situation im Irak zur Zeit Saddams; wie es zu den Kriegen Iran/Irak, Irak/Kuweit und den Golfkriegen kommen konnte. Er berichtet aber auch über Unverständnis und Ungläubigkeit, Beweise für Dinge fordernde deutsche Behörden, die im Nachhinein nicht mehr beweisbar sein können,

In knappen und für alle verständlichen Worten erhalten wir einen Rückblick in die Geschichte des Islam - einschließlich wieso es eine Teilung in Sunniten und Schiiten gibt. Ebenso auch eine Analyse warum es mit dem Frieden in dieser Region (einschließlich Israels, Palästinas und Libanon) so schwierig ist. Er erklärt das Wort „Djihad“ und beschreibt das Leben der Bevölkerung unter Saddam.

Hier lesen wir auch einiges über die Anschauungen des Autoren, der sich kritisch mit einigen fundamentalistischen Strömungen des Islam auseinandersetzt. Wir erfahren etwas über die „Unsicherheit und Unfreiheit und die Schwierigkeiten der Asylbewerber in Deutschland im Allgemeinen. Vielen Irakern wurde nach dem Sturz Saddam Husseins der Status der deutschen Staatsangehörigkeit aberkannt, und sie bekamen wieder eine Duldung mit der Möglichkeit, täglich abgeschoben werden zu können“.

Liebe Leserinnen, nicht gleich erschrecken, wenn gleich zu Beginn die Frau des Sultans „Sexorgien“ feiert (obwohl dies einer islamischen, im Harem lebenden Frau, eigentlich unmöglich war). Dies war tatsächlich in der Geschichte um Scheherazade wohl so (siehe auch Artikel „Scharazad“ von Marlies Theillout in der Halima Quartal IV 2005).

Es lohnt sich auf jeden Fall weiter zu lesen, denn die Ansichten des Autoren sind die eines wirklich im wahren Sinn liberal denkenden Mannes,

Mehr möchte ich im Augenblick nicht verraten, der/die Leser/innen soll/en ja auch möglichst selbst das Buch erwerben, um so auch ein wenig Hilfe der Familie zukommen zu lassen.

In meinem vorliegenden Exemplar handelt es sich um die 1. Auflage, die nach Aussage des Autors noch einmal überarbeitet werden soll. Aber auch in dieser Fassung ist das Buch durchaus lesenswert, da allein die Aussage zählt. Geschliffene Wortwahl ist da eher zweitrangig.

 

Interview mit Sayed el Sultan  

Der Autor wurde vor 46 Jahren im Irak geboren und lebt seit 2002 in Deutschland. Er ist kein Asylant sondern er und seine Familie werden lediglich geduldet, und jederzeit ist die Abschiebung, die wie ein Damoklesschwert über der Familie hängt, möglich.

Sayed ist Bauingenieur und er würde seinen Beruf gerne auch in Deutschland ausüben. Dies ist jedoch durch die Praxis der Behörden nahezu unmöglich. Die Hände in den Schoß zu legen ist allerdings nichts für ihn, er möchte arbeiten und etwas leisten.

Im Folgenden kürze ich N für Nabila (Fragestellerin) und S für Sayed (Interviewpartner) ab.

 

N: Was hat Sie veranlasst dieses Buch zu verfassen? Was gab den Anstoß dazu?

S: Ich habe den Artikel „Scharazad“ von Marlies Theillout in der Halima Quartal IV 2005    gelesen und war mit einigen der Interpretationen von M. Theillout nicht einverstanden. Sie sieht in den Geschichten eine Ursache für ein Frauenbild der heutigen Muslime, in dem die Frau im Wesentlichen als Verführerin des Mannes gesehen wird. Für mich ist die Geschichte um 1001 Nacht vorislamisch (so war auch das Frauenbild aus vorislamischer Zeit sehr negativ, eine Frau hatte praktisch keinen Wert, und der Prophet Mohammed verbesserte damals die Stellung der Frau wesentlich.) und Frau Thaillot hat die Rahmenhandlung der 1001Nacht Geschichten und das damalige Frauenbild als islamisch verstanden und dem arabischen Mann im allgemeinen eine misogyne (bezeichnet eine extreme Abneigung gegen Frauen, sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Entsprechende Übersetzungen sind Frauenverachtung, Frauenfeindlichkeit oder Frauenhass.)   Haltung unterstellt. Dies ist ein Vorurteil. In der heutigen arabischen Welt ist das Zusammenleben anders, aber die Frau hat in der Familie die Macht in der Hand. Wo liegt nun die Wahrheit? Ein Europäer mit Scheuklappen kann auf islamischer Seite viel Negatives sehen –  aber gibt es nicht in den westlichen Staaten auch vieles, das nicht in Ordnung ist?. Ich habe versucht alles neutral zu sehen.

Es gibt Gutes und Schlechtes, Extreme auf beiden Seiten; die Wahrheit liegt wohl dazwischen, das Zusammenleben in Toleranz aller auf einer Erde ist wichtig. Auch bemerkte ich, dass die islamische Tradition und Religion im Westen nicht so bekannt ist – daher wollte ich eine verständliche Information dazu geben.

Das Buch befasst sich mit der Geschichte der Araber und des Islam und der heutigen Situation, denn ich finde, dass die Welt nach dem Anschlag auf das World Trade Center sensibel geworden ist. Die politische Bühne wurde nach dem Anschlag neu geordnet, es werden aber weiterhin Waffen auch an Extremisten verkauft und somit ein Karussell in Gang gesetzt.

 Muslimen wird oft mit Argwohn begegnet oder sie werden diskriminiert – aber die Mehrheit denkt anders – man sollte nicht alle über einen Kamm scheren. Andererseits zeigen manche Muslime auch eine Überreaktion..

Ich glaube, der Zeitpunkt ist gekommen, den Dialog zu suchen, um einen Weg zu einem friedlichen Zusammenleben und freier Religionsausübung zu finden.

 

N; Was ist an Ihrem Buch neu – die Geschichte um Scheherazade war ja schon bekannt – was ist also jetzt anders geworden?

S: Ich habe dieser Geschichte von 1001 Nacht eine neue literarische Entwicklung gegeben – sie hat eine neue Dimension bekommen, ist modern geworden und unserer Zeit angepasst. Sultan Schahriar war früher (in der alten Geschichte) grausam und ließ jede Nacht eine Frau ermorden – jetzt ist er nachdenklicher geworden, er hat aus den Fehlern gelernt.

So sagt er beispielsweise heute:   

„Sag mir, was sollte ein Sklave sagen, wenn meine Gattin ihn zu einer Sexorgie rief? Wenn er nein gesagt hätte, stürbe er sofort. Wenn wir jetzt nein sagen, sterben wir auch sofort“.

Sultan Schahriar erkannte also nach vielen Jahren, dass man  eine Frau nicht daran hindern kann, die Treue zu brechen, auch wenn sie in sieben Truhen verschlossen ist. Die Wahrheit ist, dass es schlechte Frauen und genauso schlechte Männer gibt. Einem Partner mit Ehrgefühl, Erziehung und Charakter kann und muss man Achtung, Vertrauen und Liebe entgegenbringen, dann ist die Treue eingeschlossen. Nur Rachegefühle auszuüben war die Praxis des Sultans vor 1500 Jahren, jetzt denkt er modern und aufgeschlossen, tolerant und liebevoll.

Das Buch ist wie eine Autobahn – man fährt gerade aus (die alte Geschichte), dann kommt eine Umleitung(die Geschichte mit Frau Merkel) und später fährt man wieder gerade aus (die Weiterführung der Geschichte).

 

N: Wieso haben Sie gerade Frau Merkel als moderne Scheherazade gewählt?

S: Die Frage ist doch: wer ist der bessere Mensch – was ist der Maßstab dafür. Viele Menschen haben Gutes getan, das Buch ist für alle, die Gutes getan haben, geschrieben. So geben z.B. berühmte Tänzer/innen ein Benefizkonzert und sammeln Geld für Waisenkinder im Orient, das bewundere ich sehr und unterstütze die Tat, aber an der Gesamtsituation können sie trotzdem nicht viel ändern.

Politiker haben da mehr Macht, sie können mit einer Entscheidung viel verändern. Auf der einen Seite  wird aufgebaut, z. B. um Kindern ohne Eltern zu helfen, auf der anderen durch Politik und Waffenhandel neues Elend geschaffen. Was kostet ein Panzer? Durch Waffenhandel werden so viele unschuldige Kinder verletzt. Ich habe eine mächtige Frau als moderne Scheherazade ausgewählt, weil ich auch hierauf aufmerksam machen möchte.

Frau Merkel ist die mächtigste Frau in der Bundesrepublik, sie genießt hohes Ansehen in der Welt. Ich habe die Vision, dass sie ihre Macht nutzt, um eine Besserung in den Krisenregionen der Welt zu bewirken.

 

N: Sie berichten im Buch über die Flucht Ihrer Familie, die dann aber doch scheitert und zu Inhaftierung und Repressalien führt. Glauben Sie, dass da Verrat im Spiel war?

S: Viele Menschen versuchten, aus dem Irak zu fliehen. Es war Schicksal, ob die Flucht gelang. Manche schafften es, andere nicht.  Da so viele geflohen waren, wurden die Straßen strenger bewacht, Papiere kontrolliert. Meine Familie hatte das große Pech, in eine solche Kontrolle zu geraten.

 

N: Sie haben den Krieg am eigenen Leib als Soldat erfahren – wie ist es Ihnen gelungen zu überleben?

S:. Ich habe 1980 angefangen zu studieren, und als Student brauchte ich im Irak-Iran-Krieg noch nicht an die Front. Viele meiner Freunde fielen im Krieg, und das erzeugte einen wahnsinnigen psychischen Druck – es starben immer mehr. Dies und der Stress durch ständiges Artilleriefeuer und den Einschlag der Skud - Raketen, die im Umkreis von 500m alles zerstörten, war wahnsinnig.

Im Kuwait –Krieg 1990 wurde ich eingezogen, es war eine schlimme Erfahrung. Als zum Schluss alles zerbombt wurde, hat ein Kamerad mich praktisch zum Desertieren gezwungen. Im Irak haben wir die letzten 20 Jahre ständig unter Stress, Angst und Todesdrohung gelebt und hatten/haben dadurch psychische Probleme. Auch heute noch ist die Erinnerung daran problematisch. Man kann das Erlebte nicht vergessen

 

N: Wie haben Sie sich gefühlt, als die USA sich einmischte und in den Irak einmarschierte? War es ein Gefühl der Befreiung (von Saddam) oder empfanden Sie das doch eher als eine Besetzung?

S: Wie viele meiner Landsleute habe ich den Einmarsch nicht befürwortet, sondern mit großer Sorge die Nachrichten verfolgt. Amerika wollte die Demokratie im Irak einführen, aber eine Demokratie nach amerikanischer Art ist dort faktisch nicht möglich. Natürlich war ich zunächst froh, dass Saddam gestürzt  war und hoffte, dass alles besser würde. Aber nach kurzer Zeit konnte man feststellen, dass unser Land durch diese unsensible Taktik von der Diktatur mehr und mehr in großem Chaos und bürgerkriegsartigen Zuständen versank.

Auch viele Freunde sind der Meinung, dass die USA eher politische und wirtschaftliche Interessen verfolgen, wie z.B. die Nähe zum Iran und die Ölvorkommen. Ich verstehe auch nicht, wie die anderen Länder vergessen konnten, dass die USA über 30 Jahre lang Saddam unterstützt hatten – war er erst die letzten Jahre ein Diktator?

 

N: Was war der Anlass zur Flucht und wie haben Sie diese erlebt?

S: Meine Familie war ja festgenommen worden, das bedeutete auch, alle Wertgegenstände wurden konfisziert. Zu guter letzt beleidigte ein Mann vom Geheimdienst meine Mutter, ich setzte mich handgreiflich für sie ein und wurde inhaftiert. Nach meiner Freilassung wurden auch meine Kinder bedroht, und dann habe ich mich entschlossen zu fliehen. Heute  weiß ich nicht, ob ich es noch einmal machen würde. Wir flohen auf einem LKW, das hört sich schön und einfach an, aber es ist sehr gefährlich. Dort unterwegs gibt es keine Regeln und kein Gesetz, man ist auf fremde Leute angewiesen, die nur an ihr Geld denken. Hinzu kam, ich kannte die Sprache nicht und konnte mich nur schwer verständlich machen. Zum Glück haben wir überlebt und sind glücklich in Deutschland angekommen.

 

N: In Deutschland angekommen haben Sie doch sicherlich erst einmal einen Kulturschock erlebt. Hatte Sie sich „the promised land“ so vorgestellt?

S: Einen Kulturschock habe ich eigentlich nicht erlebt. Ich komme aus Bagdad, und das ist bzw. war auch eine Weltstadt. Als ich nach Deutschland kam, gab es natürlich viele Schwierigkeiten, und ich habe viele Unterschiede bemerkt, aber nach den schlimmen Erfahrungen im Irak und auf der Flucht war es absolut das „promised land“.

Vor Allem war ich erstaunt, dass auch Christen gute Menschen sind und auch Leute ohne Glauben Gutes tun.

Kulturell war vieles neu und dadurch habe ich auch viel über meine eigene Kultur nachgedacht. Auf beiden Seiten gibt es viel Gutes, ich habe mir überlegt: „wo passt du hin “. Die deutsche Bevölkerung ist sehr gebildet und hilfsbereit und menschlich. 

Auch in Hoyerswerda wo wir leben. Es entwickelte sich alles gut. Viele Artikel wurden in der Lokalpresse über meine Familie geschrieben, wir haben gute Erfahrungen gemacht und sind inzwischen sehr bekannt. Mir ist auch positiv aufgefallen, dass viele Deutsche Interesse am Orient und dem Islam haben.

Ein Problem war das Essen in Verbindung mit Sprachschwierigkeiten. Ist ein Putenschnitzel aus Schweinefleisch, oder was sind Meeresfrüchte, die eher wie Ungeziefer aussehen? Wir wussten zunächst nicht, was wir essen sollten.

Ein anderes Problem: Araber sagen „ich liebe dich“ auch zu einem Mann, der ihr Freund ist oder viel geholfen hat – in Deutschland geht das nicht, es wird falsch verstanden. Die Menschen hier kennen diese Aussage nicht so, sie hat hier eine andere Bedeutung.

Ich habe versucht möglichst schnell die Sprache zu erlernen, denn nur so kann man mit anderen Menschen Verbindung aufnehmen und über evtl. Probleme sprechen.

Meine Wurzeln liegen im Irak, ich freue mich jedoch, dass ich in Deutschland sein kann. Es wurde meine Heimat, hier in meiner Stadt habe ich erneut Wurzeln geschlagen.  

Allerdings bringen mich manche Gesetze wirklich zur Verzweiflung, unser Asylgesuch wurde wie das von ca. 90% aller Asylbewerber abgelehnt. Nun leben wir im Status der Duldung und können täglich abgeschoben und damit zum Tod verurteilt werden, wenn wir in den Irak zurück müssen, wo die Gefahr, entführt zu werden oder einem Anschlag zum Opfer zu fallen unermesslich hoch ist. Bomben machen keine Unterschiede zwischen den Menschen, alle sind von ihnen bedroht.

  

N: Sie machen in diesem Buch auch auf einige Missstände in deutschen Auffangheimen aufmerksam, die eigentlich einfach zu vermeiden gewesen wären. Glauben Sie, das lag an den Führungspersönlichkeiten oder ist es eher ein generelles Problem?

S: Das Heim in Chemnitz ist ein Durchgangsheim, ich möchte hier niemand verurteilen  – alle haben sich viel Mühe gegeben und waren nett.

Manche Probleme kommen durch die Bewohner, die aus ihrer Heimat vieles anders gewohnt sind,  Anderes durch Unverständnis der Verwaltung. Z.B. ein Bad ohne Abtrennung oder keinerlei Erklärungen zu bestimmten Dingen, die den Menschen aus anderen Nationen unbekannt sind. Auch mangelnde Beherrschung der Sprache ist ein Handycap – ohne Sprache ist man nichts. Ich musste also so schell wie möglich deutsch lernen

 

N: Wenn ich die Aussage in Ihrem Buch richtig verstehe, dann wären Sie für eine einheitliche Behandlung der Asylfrage in Europa – warum? Europa ist nun mal keine politische Einheit und jeder „kocht sein eigenes Süppchen“, vertritt seine eigenen Interessen.

S: Für mein Verständnis handelt es sich hier um  Menschenrechte und die sollten in Europa gleich sein. Nehmen wir mal z.B. Gulasch – in vielen Ländern sind die Grundzutaten gleich, allerdings variiert der Geschmack von Land zu Land. Ähnliches könnte man auch auf die Asylfrage übertragen. Eine Gleichbehandlung dieser Frage in allen Ländern würde uns Asylsuchenden einiges sehr erleichtern. In Nordeuropa erhalten Emigranten aus dem Irak gleich ein Bleiberecht, in Deutschland werden sie nur geduldet und können jederzeit wieder abgeschoben werden, das verstößt für mich gegen das Recht auf Schutz des Lebens. Im Irak wird praktisch jeder entführt, bei dem Geld vermutet wird, und wenn einer aus Europa zurückkommt, ist er besonders gefährdet, Entführungsopfer zu werden.

In Deutschland leben ca. 85.000 Asylbewerber aus dem Irak – auch Christen u. andere Minderheiten – diese Minderheiten bekommen sofort eine Aufenthaltserlaubnis – Muslime nicht. Aber: Die Bomben, die im Irak hochgehen fragen nicht danach, welche Art von Menschen dort gerade stehen. Alle werden gleichermaßen getötet oder verletzt – Minderheiten sowohl wie Muslime.

 

N: Sie setzten sich auch kritisch mit einigen Dingen Ihrer Religion, die nicht mehr zeitgemäß sind, auseinander. z.B. das Erbrecht der Frau u.v.a. Dinge, Frauen betreffend. Fürchten Sie keine Repressalien aus fundamentalistischen Kreisen? Nach dem 11.9. habe sogar ich böse mails bekommen, wieso ich mich Nabila Shams El Din nenne (el din = wortwörtlich übersetzt „die Religion“, was aber in oriental. Ländern durchaus ein gängiger Familienname ist)

S: Ich habe oft darüber nachgedacht ob ich einige Passagen rausnehmen sollte, aber viele Freunde sagen auch nein, denn es ist ja so, und ich  mache auf Missstände aufmerksam und möchte zur Diskussion anregen. In einigen arabischen Ländern hat sich ja auch schon vieles verbessert, leider in sehr traditionellen Ländern nicht. Das Bild der Frau ist dort noch vorislamisch geprägt und wird einfach mit in den Islam übernommen, und dann gesagt: das ist islamisch.

Die Mehrheit der Muslime ist neutral und vernünftig. Fundamentalisten übertreiben stark – egal in welcher Religion. Meine Aussagen sind nicht provokativ, deshalb habe ich keine Angst.

 

N: Was müsste sich Ihrer Meinung nach im Irak ändern, damit endlich Frieden einkehren kann?

S: Was von 2003 bis jetzt geschehen ist, ist wie eine Chirurgie – ich glaube, es wird nie wieder wie vorher und fürchte, ein Frieden ist nicht mehr möglich. Das Land hat sich verändert. Vielleicht schafft es die nächste Generation, die Bevölkerung noch mal zu einigen.

 

N: Was wünschen Sie sich und Ihrer Familie für die Zukunft?

S: Wir wünschen uns ein Bleiberecht, da ich mein gutes Gefühl und die Zuneigung für Deutschland zeigen möchte. Ich wünsche mir Arbeit damit wir nicht dem Staat zur Last fallen. Für meine Kinder wünsche ich mir eine gute Ausbildung und einen guten Beruf. In der Schule sind die 3 bei den Besten in ihren Klassen.

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