LIBANESISCHE Folklore  - DABKE (Dabka)  

 

        Erweiterung dieses Kapitels aus "Spektrum Orientalischer Tanz" von Nabila Shams El Din

 

Die östliche Mittelmeerküste ist eine eigene Kulturregion und schließt folgende Länder mit ein: die Levante oder den Libanon, Syrien, Irak, Jordanien und Palästina/Israel.

In dieser gesamten Region sind Reihentänze bekannt, deren bekanntester die Dabke ist. In der Türkei, in Laz, wird auch eine Dabke getanzt, sie ist allerdings wenig bekannt.  

Tänze sind auch heute noch wesentlicher Bestandteil ländlichen Lebens (z.B. bei Hochzeiten und anderen Feierlichkeiten), sie werden jedoch von den weltgewandten Städtern als banal und typisch dörflich abgetan. Nach Gary Lind-Sinanian beeinflussen sich Stadt und Land aber gegenseitig. "Viele Bevölkerungsteile identifizieren sich immer noch mit ihrem dörflichen Ursprung....und halten engen Kontakt....Im Dorf kann jeder Städter an den Dorftänzen teilhaben, die ihn in der Stadt aufzuführen in Verlegenheit bringen würden....Die Dörfler können andererseits choreographierte Tanzschritte erlernen... und in ihr Dorfrepertoire aufnehmen."

In der Stadt hat sich eine modernere Form der Dabke etabliert, die speziell für die Bühne kreiert wurde. Wir können also zwei Formen von Dabke unterscheiden

 

Dorfdabke

a)     die alte Form oder Dorfdabke

Die Musik für diesen Tanz wird life gespielt - manchmal genügen sogar ein Solosänger und Handklatschen, Instrumente sind Trommel oder Tamburin und ein Blasinstrument (nay, mizmar), Nichttänzer begleiten die Musik durch rhythmisches Handklatschen.

Es existiert keine Forschung über die frühe Entwicklung der Dabke. Gary Lind-Sinanian schreibt  dass einige Forscher annehmen, sie stamme von vorislamischen ritualen Regentänzen ab.

Charakteristisch ist eine sehr enge, schmale Formation auf Linie, steife Oberkörperhaltung (mit Ausnahme des Führenden) und hartes Stampfen der

Füße. Die Bewegungen sind in jedem Dorf speziell, jedes Dorf hat seine eigene Schrittfolge, die nur dort verwandt wird. und Kenner können sofort erkennen, wo die Dabke herstammt.

Sie wird in einem offenen Kreis getanzt, der Anführer "awwil" (=der erste) schwenkt ein Tuch in der Hand und dirigiert die Tänzer auch durch Augen- und Handbewegungen. Er darf sich wesentlich heftiger bewegen und mehr Figuren tanzen als die restliche Reihe. Auch trennt er sich von Zeit zu Zeit von der Gruppe und führt freie Bewegungen nach dem vorgegebenen Rhythmus aus

Meist tanzen Männer und Frauen gemeinsam, es schickt sich normalerweise allerdings nicht, dass ein Frau als awwil tanzt. Es gibt jedoch auch hier kleine Ausnahmen, wenn es sich z.B. um eine ältere Frau handelt, die die Achtung aller besitzt

Tanzen nur Männer, so wird die Dabke wesentlich wilder getanzt (es werden z.B. Sprünge eingebaut), da alle Männer mit ihrem Können vor den Frauen prahlen möchten. Der awwil wird immer wieder durch einen anderen Mann ersetzt, so dass alle einmal an die Reihe kommen können.

Während des Gesangs wird mit "leichten, eintönigen, rhythmischen Bewegungen der Füße getanzt ". Bald steigert sich die Heftigkeit der Bewegungen und die Gruppe beginnt, sich um den Musiker zu drehen.

Tanzen Frauen mit, so wird etwas ruhiger getanzt, die Frauen führen die Bewegungen feiner aus.

Bekannte Dorfdabkes sind z.B. die aus: Baalbek, Genou, Tropoli und Gabaly.

 

Bühnenform der Dabke

Die Dabka war und ist tänzerbezogen und am Dorfgeschehen ausgerichtet, Ende der 50-er Jahren wandelte sich die Dabka allerdings zumindest in den Städten zu einer auf den Zuschauer orientierten und anspruchsvolleren Bühnendarbietung.

Nach Gary Lind-Sinanian führte 1954 der libanesische Präsident Camille Chamoun die Dabka als Bestandteil des Lehrplanes an Schulen ein. Da der Volkstanz eine annehmbare Übungsform bot, die ethnischen und nationalen Stolz widerspiegelte.

Allerdings ist Abud Hassoun, der aus dem Libanon stammt, der Meinung, dass dies auch schon früher der Fall gewesen war.

Dennoch, die Traditionen verblassten; "1957 führte das Moisejev-Tanz-Ensemble auf seiner Libanon Tournee ein neues Konzept im Volkstanz ein. Stilisierte Folklore wurde zum Bühnentanz umfunktioniert. Sie ist damals aber nicht als eine populäre städtische Freizeitbeschäftigung übernommen worden, wie es in den Vereinigten Staaten geschieht. Außerhalb des bühnenorientalischen Stils ist die Dabka noch als „bäuerliche, unweltmännische“ Aktivität zu sehen." (Habibi Vol 10, Nr.1, Seite 11 Die zeitgenössische Dabke im Libanon)

Allerdings wurde durch den Bühnenstil die Dabke wesentlich aufgewertet und anerkannt und war und ist wieder bei vielen Festivals zu sehen. Das bekannteste und größte ist das Baalbek-Festival,  (es wurde in den 70-er Jahren, bedingt durch den Bürgerkrieg, eingestellt und ist jetzt (seit 1998) wieder auferstanden.

 

b) die Bühnenform der Dabka

Diese Form der Dabke bevorzugt Musik, die speziell hierfür aufgenommen wurde, da die Schrittwechsel genau zur Musik passen müssen.

Ein Unterschied zwischen Dorf- und Bühnendabka ist der, dass letztere für ein bestimmtes Stück der Musik choreografiert ist. Die Dorfdabke hingegen können einige alternative Melodien begleiten. Für die Festlegung des Musiktyps ist dies ein sehr wichtiger Unterschied.

So z.B. spielen Livemusiker die gleiche Melodie, könnten jedoch in der Interpretation des Liedes verschieden sein.

Die Mannigfaltigkeit der einheimischen Tanztraditionen ist allerdings begrenzt, obwohl es frei steht immer neue Schrittkombinationen zu erfinden. So enthält die Bühnendabke, auch Elemente aus anderen Tanzarten (z.B. Ballett, Modern Dance, Flamenco und Balkantanz) basierend auf den einheimischen Dorftänzen und ihren typischen Bewegungen.

 

Da die dörfliche Dabka zu einfach für die Bühnenaufführung und für ein anspruchsvolles Publikum ist, ist es zwangsläufig nötig, eine größere Vielfalt zu choreographieren.

Die typische Reihe wird so auch öfter mal aufgelöst. Kreis, 2 Halbkreise, 2 Reihen gegenüber sorgen für Abwechslung; ebenso, dass jede/r 2. die Reihe verlässt (z.B. die Männer oder die Frauen) oder dass mit vorgebeugtem Oberkörper nach vorne und mit aufgerichtetem wieder zurück gegangen wird.

Wird die Reihe geteilt, so ist ein zweiter awwil am Zug – aber nur so lange, bis sich die Reihe wieder vereint hat. Dann ist dieser wieder ein „normales“ Reihenmitglied.

 

Tanzpuristen werden sicherlich bedauern, dass die Dorfdabke eher ins Hintertreffen gerät aber nach G. Lind-Sinanian ist keine andere Lösung praktikabel. „Der Künstler macht eine Gradwanderung zwischen authentischer und kreativer Interpretation, er muss vorsichtig sein, nicht den originalen Charakter zu zerstören."(G. Lind-Sinanian).

Die neuen Tanzgruppen treten auch international auf und sind somit Repräsentanten ihres Landes und ihrer Kultur.

Durch den Erfolg, den die Bühnendabka genoss wurden auch andere angrenzende Staaten darauf aufmerksam und engagierten libanesische Choreographen um eigene Ensembles zu gründen. Anfangs konnte man eine große Gleichförmigkeit entdecken aber bald entwickelte sich, zurückblickend auf das Kulturerbe, eine eigene nationale Identität

Bekannte SängerInnen haben ihre eigenen Gruppen. So z.B. Feyrouz, Sabah, Salwa und Toni Hanah, Vor der Dabke steht hier immer ein Auftritt des/r jeweiligen Sänger/s/in danach beginnt der Tanz.

 

Versuch der psychologischen und soziologischen Interpretation der engen Reihe

Gary Lind-Sinanian zitiert in dem schon oben erwähnten Artikel Yvonne Cootz, die eine Interpretation der Tanzform gibt. Für sie wird die Gruppensolidarität durch die Dabka hervorgehoben und die individuellen Bedürfnisse werden denen der Gruppe untergeordnet. Sich in einer "gemeinsamen Anstrengung zusammenzuschließen" (gemeint ist der Tanz) ist für sie "eine Methode der neuerlichen Stärkung " der "gemeinsamen Identität und Gruppensolidarität".

"Gruppenenergie" wird durch die Dabke frei, was als "Mittel des Schutzes gegen fremde Kräfte dienen könnte". Die Form der "Linie oder Halbkreises könnte, ihrer Einschätzung nach, Symbol sein für die Einheit von Entschlossenheit und Solidarität.

"Die Starrheit des oberen Körpers und die Enge der Tänzer zueinander", quasi eine Mauer bildend, soll Vorbeugung für eine Trennung darstellen. " Diese physikalische Verbindung kann als Manifestation eines soziologischen Phänomen interpretiert werden, das mit der gemeinschaftlichen Familienstruktur operiert." Sie könnte auch stehen für die erweiterte Einheit der Familie, gestärkt durch die Solidarität der Gruppe; die Geschlossenheit der Familienstruktur durch die Vereinigung der Anstrengung."

"Wir können weiter vermuten, dass das Benötigen eines aggressiven Zeigens von Kraft und einer erneuten Bestätigung des Selbst, in einer wechselnden Umgebung durch das starke Stampfen ausgedrückt wird. Das kraftvolle Stampfen könnte auch ein Aufrütteln darstellen, ein Anerkennen, dass hier eine greifbare Verbindung zwischen der Erdstabilität und sich selbst besteht, die eine Hauptrolle im lebenstragenden System, zu dieser Zeit in dieser bäuerlichen Kultur spielt... Die gesamte Tanzform könnte als eine Familie in Funktion betrachtet werden, was man in der Bereitschaft dem Führenden zu folgen sehen kann"; der Führende hat die Freiheit der Improvisation, während jeder Tänzer bemüht ist, die Gleichheit der Fußmuster und die Improvisation der vorgehenden beizubehalten - "für die Effektivheit der Gruppe"

(Yvonne Cootz: Dance and Dress as a Reflector of Cultural Change Among the Christian Lebanese in Los Angeles, unpublished thesis, U.C.L.A. Los Angeles, Dance Departement, 1977, pp 45-47)  

Fragt man allerdings die Tänzer, so gibt es auch einige praktische Gründe für die engstehende Formation.

Z.B.:

Literaturhinweis:

Gary Lind-Sinanian:  Habibi Vol 9, Nr. 12 (Seite 12)  und Vol 10 Nr.1 (Seite 11)

Yvonne Cootz: Dance and Dress as a Reflector of Cultural Change Among the Christian Lebanese in Los Angeles, unpublished thesis, U.C.L.A. Los Angeles, Dance Departement, 1977, pp 45-47  

Informationen von Abud Hassoun