| LESEPROBE AUS
"SPEKTRUM ORIENTALISCHER TANZ"
copyright Nabila Shams El Din weitere Leseproben befinden sich in den Kapiteln Tribal, Tunesien, Marokko, Tanzstile, Techniken der Bewegung und Dabke
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Nach Irmhild Richter-Dridi war nach überlieferten Dokumenten
den Frauen der vorislamischen Zeit der Schleier unbekannt. Sie schreibt, dass
Mohammed selbst einem Bräutigam den Rat gab, sich die Braut vor der Hochzeit
anzusehen. Skulpturen aus Palmyra zeigen uns, dass der Brauch des
Verschleierns schon lange vor der Islamisierung bekannt war. Nach dem Ende der Sklavenzeit wurde der Schleier beibehalten
und bald war aus einer freiwilligen Geste ein Zwang geworden. Auch schon im Römischen
Imperium und im antiken Griechenland trugen die Frauen über ihrem Haar einen
Schleier - aber hier wurde er nicht zum religiösen Zwang. Die vornehme Römerin z.B. trug über ihrem Obergewand eine
Art Mantel, die Palla. In sie hüllte sie sich ganz ein; der obere Stoffteil
wurde um den Nacken und den rechten Oberarm geführt. Das über den Rücken
fallende Stoffteil zog sie auf der Straße über den Kopf. Der Römer C. Sulpicius Gallus ließ sich nach F. Ramm
sogar von seiner Frau scheiden, da sie in der Öffentlichkeit ihr Haar
nicht bedeckt hatte. Erst später unter Augustus soll sich die Sitte des Haare Bedeckens
gelockert haben. Im 14./15. Jahrhundert trugen die Frauen der Vornehmen
Europas ihr Haar stets unter einer Haube oder bedeckten es mit einem Schleier.
Oft wurde auch beides kombiniert. Ein langer Schleier wurde an einer – manchmal recht
ausladenden – Haube befestigt. Schauen wir uns das Christentum an, dann stellen wir
ebenfalls fest, dass sich die Frauen das Haar mit einem Tuch bedeckten, vor
allem, wenn sie die Kirche besuchten. In den südlichen Ländern Europas hielt
sich dieser Brauch bis vor einigen Jahren - und ist teilweise auch heute noch,
vor allem bei älteren Frauen, üblich. Dridi schreibt, dass in Nordafrika - auch in Tunesien - der
Schleier erst im 15. Jahrhundert eingeführt wurde. In diesem Zeitraum
emigrierten nämlich zigtausende Mauren
aus Andalusien und diese führten ihn „als Zeichen von guten Sitten“ ein. Zu diesem Zeitpunkt war er also noch nicht religiös bedingt. Im Koran, der nach Mohammeds Tod durch Überlieferung weiter
verbreitet und erst ca. 100 Jahre
nach seinem Tod aufgeschrieben wurde, steht: „Prophet, sprich zu deinen Gattinnen und deinen Töchtern
und den Weibern der Gläubigen, dass sie sich in ihren Überwurf (djilbab) verhüllen. So
werden sie eher erkannt (als anständige Frauen) und werden nicht verletzt.“ (Sure 33/59 nach Henning) Dridi schreibt, dass sich an dem Wort djilbab die Geister
scheiden. Es kann übersetzt werden als: Hemd, Mantel oder Schal. Von einem
Verdecken des Gesichtes war hier nicht die Rede. Mohammed wollte wohl lediglich eine etwas dezentere Kleidung
- um seine Frauen vor lüsternen Blicken zu schützen. Thierry Bianquis schreibt
in „Die Familie im arabischen Islam“: „Man sagt, Muhammad, dessen Frauen in Zimmern untergebracht
waren, die auf den Hof eines öffentlichen Gebäudes gingen - der zukünftigen
Moschee von Medina -, in dem er seine Besucher, Muslime und Nichtmuslime,
empfing, habe ihnen geraten, ihrer eigenen Ruhe wegen den Schleier zu tragen.“
Er bezog sich dabei nicht auf alle
Frauen. Die islamische Geistlichkeit beruft sich jedoch immer wieder
auf diese Passage im Koran. Haar, und vor allem langes Haar, ist Sinnbild für Erotik.
Frauen haben es, wenn auch oft unbewusst, als Mittel zum Zweck eingesetzt. Bei
der Erforschung der zwischenmenschlichen Gestik ist der sogenannte hairflip
entdeckt worden. Das Haar wird mit einem Schwung nach hinten geworfen und
er wird immer dann eingesetzt, wenn die Frau an einem Mann Interesse bekundet. All dies ist wohl mit ein Grund dafür, dass islamische
Geistliche, die Angst um die Tugendhaftigkeit der Frauen haben, auf der
Verschleierung bestehen - zu Recht oder zu Unrecht wird heftig diskutiert. In der Türkei schaffte Atatürk den Schleier für die Frauen
ab, aber er stieß auf großen Widerstand der weiblichen Bevölkerung. Für
viele Frauen war dies gleichbedeutend mit nackt sein und so widersetzten sich
nicht wenige der Anordnung. In den Dörfern gehört ein Hütchen und darüber gebunden
ein oder mehrere Tücher immer noch zur folkloristischen Bekleidung. Und selbst
in Istanbul sehen wir heute immer mehr Frauen, die sogar eine Art Tschador
tragen. Aber der Schleier hatte und hat in allen Ländern der südlichen
Hemisphäre auch schützenden Charakter. 1.
er
schützt das Haar vor Austrocknung durch die sengende Sonne 2.
er
schützt die Haut vor der Sonne, die die Faltenbildung beschleunigt 3.
er
schützt vor zudringlichen Blicken der Männer - und hält auch zudringliche Männer
auf Abstand, da er symbolisiert: hier seht ihr eine anständige Frau. Den Männern aus südlichen Gefilden wird nachgesagt heißblütig
zu sein und sich gerne von weiblichen Reizen verführen zu lassen - oder könnte
man auch sagen, sie können sich nicht beherrschen, wenn sie weibliche Reize zu
Gesicht bekommen. Mir sagte einmal ein orientalischer Mann: „Ich kann eure Männer
nicht verstehen, sie sehen so viele schöne Reize, aber sie lässt es kalt“.
Reize, die jedoch jederzeit gesehen werden können, verlieren ihren Reiz, sie
werden alltäglich. Da orientalische Frauen immer verschleiert waren, ist es für
solche Männer natürlich schon schwierig, den Reizen unverschleierter Frauen
nicht zu erliegen. Ich bin sogar davon überzeugt, dass etliche Frauen den
Schleier gerne aus dem Grunde tragen, damit sie ihre Ruhe haben und auf der Straße
nicht dauernd behelligt werden. Aber erinnern wir uns doch, dass auch in Europa schon der
Anblick eines Fußknöchels, der unter einem etwas hoch gehobenen Rock hervor
schaute, genügte um die Männerwelt zu erregen - und das noch bis Anfang des
20. Jahrhunderts!! Eben weil die Damenwelt immer bedeckt gekleidet war. Dies änderte
sich auch erst langsam und allmählich; erst seit den
späten 60-ern wird die Bekleidung immer spärlicher. TANZ Der Tanz mit dem Schleier geht in der Legende zurück auf den
Tanz der Salome, Tochter der Herodias. Dieser Name ist in der Bibel jedoch
ebenso wenig belegt, wie die Tatsache, des Schleiertanzes. Fakt ist, dass Johannes der Täufer auf die Bitte der Herodias hin, enthauptet wurde. Nachzulesen bei Matthäus und Markus im Neuen Testament. Die Legenden rankten sich begierig um diese Geschichte.
Salome wurde zum Kult, zum Inbegriff der „tanzenden Verführerin“ (Halima).
Die Kirche stempelte sie zur verworfenen Sünderin. Nach Guido Tropf-Baldinger zeigen Dokumente Salome „als
Gauklerin. Sie tanzt mit Schwertern, Musikinstrumenten, Bällen und Blumen.“
Er ist auch der Meinung, dass sich Salomes Geschichte auf Ishtar, die
babylonische Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit, zurückführen lässt: „Der Liebhaber Ishtars stirbt und wird in die Unterwelt
gebracht. „Ishtar in ihrer Trauer schmückt sich in ihrer ganzen Pracht, um so
ihren Geliebten zurückzuholen. An jedem der sieben Tore muss sie als Preis für den Einlass
ein Schmuckstück und einen Schleier ablegen. So entstand der Tanz der Ishtar
mit den sieben Schleiern, später benannt als „Willkommenstanz“ oder „Shalome
Tanz“ (vom hebräischen Shalom-Gruß).“ Herr Baldinger gibt auch noch eine zweite Theorie an: „ Eine andere Erklärung für den Tanz der Salome mit
sieben Schleiern, besagt, daß Salome Priesterin der Ishtar war und so zu ihren
Ehren in Erinnerung an das beschriebene den Tanz der Schleier aufführte.“ Welche Erklärung auch immer die richtige ist, dieses Thema
beschäftigte im 19. Jahrhundert viele Menschen und die Phantasie tat ihr übriges
dazu. Und schließlich inspirierte die Geschichte der Salome Oscar
Wilde und Gustave Flaubert zu ihren berühmten Werken.
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